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Dämonen - Zwischenspiel 1

Der Unfall

Niemand kennt den Tod. Es weiß auch keiner,
ob er nicht das größte Geschenk für den Menschen ist.
(Sokrates)



„Ich erzähle nicht gerne davon. Ich denke auch nicht gerne daran. Das Kreischen des Metalls. Dieser Ausdruck in Thomas’ Gesicht, als er mich durchs Fenster ansah. Vielleicht sollte ich besser von Anfang an erzählen!?
Er, also Thomas, Andy, Lukas und ich waren auf dem Weg zu einem kleinem Festival in der Nähe. Es sollten einige lokale Bands spielen, die wir recht gerne mochten. ‚Coy‘ und so. Jedenfalls fuhren wir gerade über die Landstraße und redeten und hörten Musik, rauchten. Nein, keine Drogen. Wir haben Kiffer wie fast nichts anderes gehasst. Gott, es war grauenvoll. Plötzlich, gerade als Thomas laut auflachte, Lukas hatte von seinem ersten Konzert erzählt – mal wieder – flogen wir. Besser kann ich es nicht erklären, tut mir leid. Ich weiß heute noch nicht, was geschehen ist.
Das Auto wurde also hochgeschleudert und durch die Luft gewirbelt. Ich glaube es war Andy, der sich übergab – Lukas, welcher vor ihm saß, in den Kragen.
Irgendwann, es schien wie Stunden, die wir in der Luft hingen, krachte das Auto auf den Boden. Lukas wurde durch die Frontscheibe davon geschleudert und landete irgendwo abseits der Straße. Wir waren – glücklicherweise – auf den Rädern aufgekommen. So schnell ich konnte öffnete ich den Sicherheitsgurt und krabbelte aus dem Wagen. Mir schwindelte, Gehirnerschütterung sagten damals die Ärzte. Auch Andy öffnete seine Tür und taumelte blutüberströmt weg von Wagen. ‚Wo bleibt Thomas‘, fragte ich mich. Er sah mir durch seine Seitenscheibe in die Augen, bei vollem Bewusstsein, dessen bin ich mir sicher.
Er deutete auf seinen Sicherheitsgurt, hob die Hände und schüttelte den Kopf. Ich glaube, ich sah einen Anflug von Panik in seiner Mimik, aber auch von Ruhe und Bereitschaft. Bereitschaft für den Tod? Ich denke ja.
Vielleicht auch etwas Freude. Du weißt ja, er wollte damals sterben. Er brachte nur nicht den Mut auf, sich selbst umzubringen. Mut? Ist so etwas Mut? Was meinst du?
Andy war zwischenzeitlich um den Wagen herum gelaufen und machte sich an Thomas‘ Tür zu schaffen. Er brachte sie nicht auf, verklemmt, meinte Andy später. Thomas gestikulierte ihm wegzugehen und deutet auf den Motorbereich. Wir, Andy und ich, realisierten erst jetzt, dass, das Auto in Flammen stand. Andy ging rückwärts weg, er weinte. Thomas blieb ganz ruhig. Und das nenne ich Mut!
Er zündete sich noch eine Zigarette an, zog an ihr und sah uns an. Ich kroch über die Straße, ‚bloß weg‘ dachte ich. Und doch, ich konnte mich nur schwerlich bewegen. Ich wollte ihm helfen. Vielleicht hätten wir die Tür damals gemeinsam aufbekommen.
Thomas‘ Kleidung stand nun auch in Flammen. Der ganze Wagen brannte lichterloh. Es war eine Frage von Sekunden, bis er in die Luft gehen würde, doch ich kroch nicht weiter. Ich starrte Thomas an.
Sein schmerzerfülltes Gesicht, voller Trauer. Um sie? Keine Ahnung. Plötzlich lächelte er mich an.
Er hob die rechte Hand, zur Faust geballt. Dann streckte er deren Zeigefinger und den kleinen Finger aus und öffnete seinen Mund. Bevor ein Laut hervorkam, explodierte der Wagen. Einzelne Teile flogen meterhoch in die Luft und krachten dann auf den Boden. Ich frage mich auch heute noch, was er damals sagen wollte.
Thomas war tot. Ich realisierte diesen Punkt erst Tage später im Krankenhaus wirklich.

Gerade die Drei, die dabei gewesen waren, standen nach dem Ende des Begräbnisses noch weiter an seinem Grab, solange, bis jeder andere gegangen war. Wir hatten eine kleine Musikanlage dabei und spielten leise ‚Blind Guardian – Theatre of Pain‘, eins seiner Lieblingslieder.
Jeder hatte eine Zigarette in seiner Hand, eine brennende lag auf seinem Grab. Wenigstens stand kein Kreuz dabei. Ich denke, dass ihn dieser Punkt freut. Jeder hatte auch eine Bierflasche in der Hand, Lukas sogar zwei.
Wir öffnete sie, prosteten uns zu, Lukas nahm dabei den Part von Thomas ein. Er schüttete, nachdem wir alle getrunken hatten, sie vierte Flasche über sein Grab aus und stellte die Flasche dazu.
Thomas’ Zigarette war heruntergebrannt. Unsere ausgeraucht. Die Flaschen waren leer und drei steckten wir wieder ein. Dann zogen wir ab, die Hände in den Hosentaschen.
Es war trotz allem ein schöne Sommermorgen, voller Schatten.

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geschrieben am: Thu, 26 Feb 2009
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