Helden.de » Reviews » Romane » Thriller » Die Stadt und die Stadt (Miéville, China)
Meinung:
Der 1972 geborene China Tom Miéville ist vor allem durch seine Fantasy, Science – Fiction und Steampunk Romane bekannt. Er ist politisch sehr engagiert und kandidierte in England sogar für das Unterhaus. Seit 1998 veröffentlicht er Romane, die sich sehr großer Beliebtheit erfreuen. So z. B. „King Rat“, „Iron Council“ und das hier genauer unter die Lupe genommene „Die Stadt und die Stadt“ („The City & The City). Für Letzteres erhielt er einige Preise, darunter den „World Fantasy Award“.
Und trotzdem (oder gerade deswegen?) scheiden sich die Geister, wenn es um die Bewertung dieses Romans geht. Viele loben ihn in den Himmel, andere sind bitterböse enttäuscht. Tatsache ist, dass er besonders ist. Promotet wird er als Science – Fiction Roman, was ich nach dem Lesen nicht bestätigen kann. Besondere Technik habe ich nicht entdeckt und zukunftsorientiert ist er definitiv auch nicht. Ein Krimi in einer Fantastik-Welt trifft es da eher. „Die Stadt und die Stadt“ spielt auf dem Balkan, zwei fiktiven Stadt-Staaten, deren Territorium wie Geschwüre ineinander laufen und sich teilweise überlagern. Wie es zu dem Zustand der Städte gekommen ist, weiß niemand. Aber die Auswirkung auf das Leben der Bewohner ist gravierend. Sie sehen sich, sehen sich aber nicht. Schon als Kinder werden sie darauf geschult zu „nichtsehen“. Die andere Stadt wird komplett ignoriert, denn schlimmer als jede andere Straftat ist es, die Grenze zu brechen. Dabei genügt schon ein Blick auf eine Person oder ein Gebäude der anderen Stadt. Grenzbruch nennt sich dieses Verbrechen und wird von einer geheimnisumwitterten Organisation „Ahndung“ verfolgt. Die Frage, ob man Ahndung informieren soll, wird laut, als eine Studentin aus Ul Quoma (eine der Städte) in der Schwesterstadt Brézel aufgefunden wird. Dabei kommt der Kommissar Borlú einem vielleicht wahr gewordenem Kindermärchen auf die Spur: Der Stadt zwischen der Stadt… ist sie Realität, oder wirklich nur eine Erfindung?
Eine großartige Idee ist es durchaus eine solche Zwillingsstadt zu erfinden. Allerdings hält sich der Autor ziemlich lange mit der Einführung auf. Eine Leiche wird gefunden und die Ermittlungen gehen sehr langsam voran. Es wird viel Zeit darauf verwendet und spekuliert, ob der Fall etwas für „Ahndung“ ist, was „Ahndung“ überhaupt ist, wie die zwei Städte zu einander stehen usw. Wiederholungen treten damit gehäuft auf und langweilen eher, als dass sie den Leser beeindrucken können. Auch zwischenmenschlich versucht der Roman in die Tiefe zu gehen. So kommen einige Szenen, die nicht sonderlich von Belang sind, aber der Autor offenbar wegen dem Flair für nötig befand. Darüber mag man streiten. Für mich waren diese Stellen teilweise ganz nett, größtenteils aber fad. Erst nach dem ersten Kapitel, von insgesamt dreien in gut 430 Seiten, wird der Roman spannender. Dann darf man selbst miträtseln, was sich hinter den ganzen Geschichten zu der verborgenen Stadt Orciny verbirgt, wer zu den Bösewichten zählt und wem man vertrauen kann. Dabei sind plötzliche Richtungsänderungen und Sackgassen sehr stimmungsfördernd.
Oft wird in den Kritiken bemängelt, dass die Krimielemente zu seicht gestaltet sind. Dieser Meinung bin ich allerdings nicht. Der Roman ist eben kein reiner Krimi, sondern besteht aus verschiedenen Elementen, die man keinesfalls einzeln bewerten sollte. In Zusammenhang mit der besonderen Basis, dem Städteverhältnis, weiß der Krimi meiner Meinung nach durchaus zu überzeugen.
Wichtig scheint dem Autor, die autoritäre und die ab dem „Grenzbruch“ totalitäre Macht von Ahndung. Auch sonst weist er immer wieder auf die politischen Strukturen der Städte hin, wie sie früher waren und jetzt sind. Ist das wichtig? Nicht wirklich, aber sie verschaffen Tiefe und geben durchaus das Gefühl, dass es sich um richtige Städte mit Geschichte handelt und nicht nur eine platte Bühne auf der die Handlung spielt.
Der Vollständigkeit halber noch einige Informationen. Der Leser durchlebt die Geschichte rein aus Borlús Sicht. Das heißt, der Roman ist in der Ich-Perspektive verfasst. So darf man an den Gedankengängen des Protagonisten teilhaben und mitspekulieren.
| Fazit: Eines ist sicher: Dem Autor fehlt es definitiv nicht an Kreativität, allerdings hin und wieder das richtige Händchen um Spannung aufzubauen. Ein bisschen weniger Einleitung, dafür mehr Story hätten dem Roman meiner Meinung nach gut getan. Eine tolle Basis ist vorhanden, allerdings ist die Umsetzung weniger berauschend. Erst gegen Ende zündet China Miéville auf und beschert ein tolles Finale. Hätte er es doch von Anfang an so toll geschrieben. Jolinar |
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geschrieben am: Sat, 11 Dec 2010
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