Helden.de » Reviews » Romane » Sachbuch » Fantasy-Rollenspiele als szenische Darstellung von Lebensentwürfen (Kahl, Ramona)
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Klappe: Fantasy-Rollenspiele (Pen & Paper) sind ein verbreitetes Imaginations- und Kooperationsspiel unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Der Herrschaft des Realitätsprinzips wird im Spiel zeitweilig Einhalt geboten zugunsten der Macht der eigenen Wünsche und Phantasien. Die generierten Gruppenerzählungen sind eine Bühne für die Inszenierung bewusster und unbewusster Lebensentwürfe und übernehmen eine sinn- und bedeutungsstiftende Funktion. Wie geschieht das? Welche Möglichkeiten und Gefahren eröffnen Fantasy-Rollenspiele? Ramona Kahl untersucht diese Fragen anhand von tiefenhermeneutisch gedeuteten narrativen Einzelinterviews mit Fantasy-Rollenspielern und Fantasy-Rollenspielerinnen und der Herausarbeitung der sinnlich-symbolischen Spielorganisation. Psychoanalytische und entwicklungspsychologische Aspekte sind für die Analyse gleichermaßen wichtig. Die Autorin nimmt Bezug auf das Freudsche Unbewusste und die Symboltheorie von Alfred Lorenzer sowie auf die moralische Entwicklung nach Lawrence Kohlberg und die Bedeutung der Jugendphase nach Dieter Baacke und Cornelia Helfferich. |
Die wissenschaftliche Arbeit „Fantasy-Rollenspiele als szenische Darstellung von Lebensentwürfen“ beschäftigt sich mit der Frage „Was den Reiz am Fantasy-Rollenspiel für die Spieler ausmacht?“ in Form einer Diplomarbeit. Dabei bedient sich die Autorin der Technik der tiefenhermeneutischen Analyse, um die gestellte Frage zu beantworten.
Die Arbeit gliedert sich in die Einleitung, sowie drei Überkapitel.
Das erste Überkapitel befasst sich mit der Erklärung und Erläuterung, was ein Fantasy-Rollenspiel ist, sowie einem kurzen Anriss der spieltheoretischen Betrachtung nach Sutton-Smith und Csikszentmihalyi, sowie dem Stand der Forschung, wobei sie hier Kathe, Ritter und Antrack anführt.
Im zweiten Überkapitel erläutert sie ihre angewandte wissenschaftliche Analyse. Beschrieben werden der Aufbau und die Durchführung der Datenerhebung, sowie das Instrument der tiefenhermeneutischen Kulturanalsyse. Der Theorieteil ist hierbei sehr knapp gehalten. Die Datenerhebung erfolgte durch narrative Interviews mit einzelnen Rollenspielern. Anschließend werden die drei Interviews aufgeführt, welche als Fallbeispiele dienen werden. Bei den Interviewpartnern handelt es sich um eine relativ unerfahrene Rollenspielerin, einem Vampirespieler, sowie einem altgedienten langejährigem Rollenspieler, welcher in letzter Zeit sein Hobby vernachlässigt.
Das dritte und letzte Überkapitel dient der Analyse anhand der Interviews, wobei bereits aufgeführte Zitate wiederholt werden, aber auch neue Zitate eingebracht werden.
Die Interpretation der Interviews durch die Autorin mündet darin, dass Rollenspiele Jugendlichen den Übergang zum Erwachsen werden erleichtern, sowie es ihnen ermöglichen hier verschiedene Dinge auszuprobieren. Auch wird die Loslösung von den Eltern durch dieses Spiel erprobt. Dabei dient das Rollenspiel als sicherer Rahmen zu ausprobieren dieser, da er durch die Regeln begrenzt ist. Dabei gibt sie den Dark-Fantasy-Rollenspielen, wie Shadowrun oder Vampire den Vorzug, da sie eine freiere Entfaltung möglich machen, da auch Perversionen charaktergerecht ausgespielt werden können. Dadurch ermöglichen Rollenspiele auch das Erproben von verbotenen und abnormen Verhaltensweisen. Am Ende des Prozesses des Erwachsen werdens verebbt nach der Autorin auch das Interesse an Fantasy-Rollenspielen, weil diese nicht mehr als Erprobungsraum benötigt werden.
Die Diplomarbeit ist als etwa 190 seitiges Softcover erschienen, und beinhaltet neben der eigentlichen Arbeit eine etwa 60 bändige Literaturliste, darunter Arbeiten der Autorin selbst.
Der Teil, in welchem Fantasy-Rollenspiele beschrieben werden, ist für den interessierten Rollenspieler eher uninteressant, bringt er doch kaum neues. Die theoretische Einordnung der Arbeit ist leider auch nur sehr knapp, so dass der fachfremde Leser hier zu Zusatzliteratur greifen muss. Die Interpretation selbst ist natürlich sehr interessant, wenn auch knapp gehalten.
Kritisch an der Arbeit ist sicherlich zu sehen, dass für die Aufstellung der Interpretation sehr wenige Interviews herangezogen wurden, so ist drei Fallbeispiele selbst für eine rein qualitative Arbeit sehr wenig, auch fehlt zum Ende der Interpretation oft ein Bezug zu den Interviews, sondern es wird vor allem auf andere Literatur zurückgegriffen.
Viele Fragen bleiben auch ungeklärt, zum Beispiel, warum viele System gerade im klassischen Bereich eine Altersstruktur, die nicht mit der zur These passenden korreliert.
Auch wird sehr wenig auf die individuelle Situation der Spieler eingegangen, so dass nicht im kulturellen sondern im individuellen begründete Entscheidungen zu wenig Beachtung finden.
Auch die These, dass moralisch grenzfreie Systeme eher zur eigenen Entwicklung der eigenen Individualität führen, kann aus pyschoanalytischer Sicht eher bezweifelt werden, setzt doch hier weniger die Integration dieser Aspekte ins eigen selbst aus, anstelle, sie als Teil seiner selbst werden zu lassen.
| Fazit: Insgesamt, trotz der Kritik, eine sehr interessante Arbeit. Sicherlich keine Spielhilfe, aber interessantes Hintergrundwissen zum Rollenspiel und seinen wissenschaftlichen Aspekten. Aber wie gesagt, es ist ein wissenschaftliches Werk, und damit sicherliche keine leichte Lektüre für nebenbei. Chaos |
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geschrieben am: Mon, 7 Sep 2009
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